„Wenn jemand eine Reise tut“: Australien, Neuseeland – und große Erwartungen

März 9, 2026

Australien sehen… und sterben? Na ja, ganz so dramatisch möchte ich es vielleicht nicht formulieren. Doch war der Kontinent down under tatsächlich schon immer DAS Reiseziel auf meiner Bucketliste, bei dem ich keinen Verhandlungsspielraum zulassen wollte. Diese einzigartige Flora und Fauna am anderen Ende der Welt musste ich unbedingt eines Tages mit meinen eigenen Augen sehen. Und zu meinem 30. Geburtstag wollte ich mir diesen Wunsch endlich erfüllen. Weil sich ein Ziel, für das man stolze 24 Stunden im Flugzeug sitzt, wirklich lohnen muss, entschieden meine Begleitung und ich, unsere Reise um einen Aufenthalt im nicht weniger besonderen Neuseeland zu ergänzen.

Drei Wochen in dem einen, drei Wochen in dem anderen Land liegen inzwischen hinter uns: von Ende Dezember bis Anfang Februar waren wir in den hochsommerlichen Ländern unterwegs, während in Deutschland das Schneechaos tobte. Zurück auf heimischem Boden (der Jetlag ist natürlich längst überwunden), hat uns der Arbeitsalltag wieder fest im Griff. Was ist nun aber mein Fazit: Waren Australien und Neuseeland das, was ich mir von ihnen versprochen hatte?

„Ich bin nicht mehr dieselbe, seit ich den Mond auf der anderen Seite der Welt habe scheinen sehen.“
Mary Anne Radmacher

Plane-Hopping, Pokémon-Watching und Possum-Kadaver

Sydney, Perth, Alice Springs, Melbourne, Cairns, Brisbane, Gold Coast: Unsere Zeit in Australien war von viel Abwechslung und Flügen quer über den ganzen Kontinent geprägt. Innerhalb kürzester Zeit bewegten wir uns zwischen unterschiedlichen Zeitzonen umher und überall gab es so viel zu sehen. Die seltsamsten Kreaturen sind auf diesem Kontinent zu Hause – als befände man sich permanent auf Pokémon-Safari! An jeder Ecke wartete eine Vogelart, die uns so noch nie zuvor begegnet war. Während sich die Tiere in den einzelnen Staaten unterschieden, war die unglaubliche Freundlichkeit der Australier an allen Orten gleich stark ausgeprägt. Ob deren Ausgeglichenheit mit dem Vitamin D zusammenhängt, das man dort unten in einer klaren Überdosis tankt? Denn bekanntermaßen knallt die Sonne down under besonders aggressiv herunter. Eine ausnehmend blasse Britin, die vor zwei Jahren mit ihrem Ehemann nach Australien ausgewandert war, legte uns beim Besuch des Fischmarktes von Sydney ans Herz:

„Man sollte sich immer gut eincremen. Nicht so, wie man es aus Europa gewohnt ist. Nein, es ist nochmal ganz anders hier. Bei meinem ersten Bootsausflug in Australien habe ich sogar Sonnenbrand unter der Kleidung bekommen.“

Geläutert saß sie deshalb mit Sonnenhut, langärmeliger Kleidung und schneeweißem Sonnencremegesicht vor uns. Außerdem betonte sie, das Haus nie ohne ihren kleinen Sonnenschirm zu verlassen. Liebe Fremde, auch wenn mir die Bedeutung von LSF schon zuvor bewusst gewesen ist, möchte ich dir für diese ausdrückliche Warnung danken – denn ich kann mit Stolz behaupten, in den sechs Wochen trotz Hochsommer und dank eiserner Disziplin keinen einzigen Sonnenbrand bekommen zu haben.

In den drei Wochen Australien sahen und erlebten wir mit dem Silvester-Feuerwerk von Sydney, den Quokkas auf Rottnest Island, dem heiligen Uluru im Outback, der Great Ocean Road, dem Great Barrier Reef und so vielen weiteren Stationen so viel, dass es erst mit Verzögerung in meinem Bewusstsein ankam. Jeden Abend fielen wir hundemüde von den vielen Eindrücken, aber überglücklich ins Bett. Wild lebende Kängurus oder Koalas zu sehen, ist vermutlich das, was sich jeder Australien-Tourist von seiner Reise verspricht – und wir kamen tatsächlich in den Genuss dieser tierischen Begegnungen. Keine Selbstverständlichkeit, da uns so mancher Australier tatsächlich verriet, noch nie einen wild lebenden Koala gesehen zu haben. Ich könnte an dieser Stelle auf jede unserer Stationen genauer eingehen, doch da dieser Artikel nicht in einen reinen Reisebericht ausarten soll, beschränke mich mich bei meinen Ausführungen auf die Eckdaten. Australien ließ uns jedenfalls überwältigt zurück – auch wenn das Plane-Hopping natürlich wenig Zeit zum Innehalten erlaubte.

Mit dem Flug ins neuseeländische Christchurch sollte sich unsere Form der Fortbewegung und Unterkunft einmal komplett ändern. Denn für den zweiten Teil unserer Reise hatten wir uns für den Camper-Van entschieden. Zwei Wochen lang erkundeten wir die Südinsel, ehe wir mit der Fähre auf die Nordinsel übersetzten. Nachdem wir in Australien mit Temperaturen über 40 Grad Celsius gestraft oder gesegnet worden waren, wie man es eben nimmt, mussten wir in Neuseeland zum ersten Mal Pullover und Jacke zücken. Cargo, das im Rucksack längst ganz nach unten gewandert war. Herrlich uneitel tuckerten wir in unserem quietschgrünen Van durch die Lande und machten von den vielen kostenlosen Campingplätzen Gebrauch, die es in Neuseeland gibt. Endlose Weiten, mehr Schafe als Menschen und totgefahrene Possums am Straßenrand prägten unseren Roadtrip. Die Tier-Kadaver, die gefühlt alle 100 Meter liegen, stimmten mich zunächst noch traurig, ehe ich erfuhr, dass man in Neuseeland sogar aktiv an der Ausrottung der Possums arbeiten würde. Denn: Sie zählen zu den größten Fressfeinden des Nationaltieres Kiwi. Makaber lachen die Neuseeländer auch über die toten Tiere am Straßenrand und verkaufen Schokolade namens „Squashed Possums“ – mit einem lustigen Cartoon-Possum auf der Packung, das XX auf den Augen und Reifenspuren auf dem Fell trägt.

Während unser Australien-Programm streng durchgetaktet war, ließen wir uns in Neuseeland einfach treiben. Wir wussten, an welchem Tag wir den Van in Auckland zurückgeben mussten, doch abgesehen davon, gestalteten wir unser Programm täglich aus dem Bauch heraus. Ein Highlight in Neuseeland auszumachen, ist im Grunde unmöglich: Wie soll man sich auch zwischen dem Baden in einer heißen Naturquelle, dem Besuch einer Glühwürmchen-Höhle oder dem Schwimmen mit Delfinen entscheiden?

Die sechs Wochen, die wir insgesamt unterwegs waren, fühlten sich einerseits wie eine halbe Ewigkeit an – und doch schienen sie wie im Flug zu vergehen. In Retrospektive wird mir mehr und mehr bewusst, dass ich hier nicht von einem Urlaub sprechen kann. Denn mit diesem Begriff verbinde ich Erholung, ein Füßehochlegen, Cocktails zur Mittagszeit und Abschalten. Nein, erholsam waren diese sechs Wochen in Australien und Neuseeland wahrlich nicht. Und trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, möchte ich keinen einzigen Moment davon missen.

„Das ist das Angenehme auf Reisen, daß auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt.“
Johann Wolfgang von Goethe

Urlaub vs. Reise

Eine Reise von diesem Abwechslungsreichtum ist ein echtes Privileg, für das wir in jedem Moment dankbar waren – auch wenn sich unsere Tour zuweilen auch als ganz schön anstrengend entpuppte. Alle drei Tage den Rucksack neu packen, frühmorgens zum Flughafen hetzen und sich immer wieder an eine neue Hitze gewöhnen, verlangt selbst dem routiniertesten Globetrotter einiges ab. Doch eine Reise vermag es auch, auf besondere Art und Weise zu prägen und dem Reisenden das Gefühl zu schenken, ein fremdes Land nicht nur gesehen, sondern auch ein bisschen verstanden zu haben. Wenn man irgendwann alle Supermarktketten ausprobiert hat und einen klaren Favoriten benennen kann, der die besten Snacks verkauft. Oder wenn man plötzlich realisiert, die australischen Hits aus dem Radio mitsingen zu können, weil man sie oft genug gehört hat. Dabei denke ich vor allem an den Song einer Indie-Band aus Brisbane: Nachdem ich „Please don’t move to Melbourne“ nicht mehr aus dem Kopf bekommen sollte, googelte ich den Radio-Dauerbrenner – und erfuhr dabei sogar etwas interessante Australien-Trivia. Offenbar behandelt die Band „Ball Park Music“ in diesem Lied das Phänomen, dass liebgewonnene Menschen früher oder später alle nach Melbourne ziehen möchten. Auch ich war von der modernen Stadt im Bundesstaat Victoria sofort begeistert – weshalb ich das besungene Phänomen sogar, wenn natürlich mit sehr begrenztem Wissen und Beurteilungsvermögen, nachvollziehen kann. Hört gerne mal rein, aber: Achtung, Ohrwurmgefahr!

Die Schönheit einer Reise liegt wohl in den vielen Situationen begründet, auf die man sich einfach unverhofft einlassen muss. Wenn man sich auf eine Abkühlung am Bondi Beach gefreut hatte, das Baden jedoch wegen einer Haiwarnung verboten ist. Oder wenn man den Zug in die spektakulären Blue Mountains nimmt, um dort vor lauter Nebel absolut gar nichts erkennen zu können. Wenn auf dem Inlandsflug nach Perth der Rucksack für ein paar Stunden verloren geht oder man im Outback von einer äußerst seltsamen Biene gestochen wird, die für einen kurzen Moment Hypochondrie auslöst: „Denn immerhin sind wir gerade in Australien, wo die giftigsten Tiere zu Hause sind, und man weiß ja nie!“ Wenn man extra ein Auto mietet, um die Great Ocean Road entlangzufahren, um wegen schwerer Waldbrände plötzlich vor einer Polizeisperrung zu stehen – und kurze Zeit später Bekanntschaft mit einem wilden Koala zu machen, der jeden Frust sofort vergessen lässt. Zum Reisen gehören die unverhofften Begegnungen und das zufällige Entdecken eines Hofbräuhauses in Melbourne, wo sich ein spontanes Interview mit dem deutschen Betreiber ergibt – obwohl man sich zuvor geschworen hatte NICHT ZU ARBEITEN. Wenn man sich auf einer Kajak-Tour verpaddelt und nach Stunden in der prallen Sonne allmählich über die Schlagzeilen nachdenkt, mit denen über den eigenen Tod in der Presse berichtet werden würde. Wenn der Reisebuddy sich plötzlich in den Kopf setzt, einen Bungee-Sprung zu machen und man nicht weiß, ob man die Tränen eher aus Angst oder aus Stolz vergießen soll. Oder wenn man nachts um drei Uhr aus dem Schlaf gerissen wird, weil man den Camper in Wellington auf einem Parkplatz abgestellt hat, auf dem ausgerechnet an diesem Tag der Wochenmarkt stattfindet. Wenn alle diese Situationen eingetreten sind und man heute herzhaft darüber lachen kann – DANN hat man wohl das erlebt, was eine Reise bereithalten sollte.

„Die Reise gleicht einem Spiel; es ist immer Gewinn und Verlust dabei und meist von der unerwarteten Seite.“
Johann Wolfgang von Goethe

Alles beim Alten – und doch irgendwie anders

Zurück in Berlin fällt es mir manchmal schwer zu begreifen, dass ich nun wirklich dort war: Dass die Traumziele auf meiner Bucketliste tatsächlich abgehakt sind. Australien und Neuseeland – noch nie war ich zuvor so weit weg von Zuhause gewesen. Oftmals hilft Abstand dabei, die Dinge klarer zu sehen. Welches Leben habe ich bei meinem Abflug zurückgelassen – oder: Welches Leben erwartet mich nach meiner Rückkehr? Heute kann ich sagen, dass diese Reise alles war, was ich mir davon versprochen hatte und doch etwas ganz anderes. Denn wie Goethe schon wusste, ist es nicht mit der Landung vor Ort getan – sondern erst das dort Bleiben, Leben und Erforschen macht die Zeit unterwegs zu etwas Besonderem:

„Man reist nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“
Johann Wolfgang von Goethe

Mir ist natürlich bewusst, dass man in nur drei Wochen kein Land wirklich kennenlernen kann. Wir trafen unterwegs auf zahlreiche Work-and-Traveller aus Europa, die selbst nach einem Jahr down under der Meinung waren, noch längst nicht alles gesehen zu haben. Doch für uns waren die insgesamt sechs Wochen genau richtig: ein kleines Abenteuer, das uns keiner mehr nehmen wird. Meine Erwartungen wurden insofern erfüllt, dass ich diese Ziele nun von meiner Bucketliste streichen darf. Doch waren es natürlich erst die nicht-planbaren Ereignisse, die sich langfristig in meine Erinnerung einbrannten und von denen man am häufigsten erzählen wird. Mehr als zufrieden trat ich Anfang Februar den Rückflug von Auckland nach Frankfurt an. Nicht, weil die Zeit da unten nicht schön war und ich nicht jeden Moment davon genossen hätte. Nein, sondern weil ich es kaum erwarten konnte, den Daheimgebliebenen endlich von allem zu berichten, ihnen die Mitbringsel zu überreichen – aber vor allem: wirklich ausgiebig zu reflektieren, was wir da eigentlich sechs Wochen lang erlebt haben. Und wer weiß? Vielleicht bleibt unsere Reise nach down under ja doch keine einmalige Sache.

„Reisen – es lässt dich sprachlos, dann verwandelt es dich in einen Geschichtenerzähler.“
Ibn Battuta